Zwischen Sonne und Wolken

Konflikte entstehen oft durch Missverständnisse und die entstehen schon im Kleinen.

Ich habe im Radio mehrere Jahre den Wetterbericht geschrieben und in der Sendung moderiert. Zum Verständnis muss man wissen, dass ich keine Meteorologin bin, sondern Moderatorin. Die Informationen haben mir also Meteorologen geliefert und ich habe sie dann zu Moderationen umgeschrieben.
In diesem Zusammenhang haben sich immer wieder Hörer:innen bei mir gemeldet und sich für die guten Informationen zum Wetter bedankt.
Es haben sich aber auch eine Menge Hörer:innen über falsche Angaben beschwert.

Eine Dame rief mich an, und erzählte mir, sie höre seit vielen Jahren regelmäßig jeden Morgen das Radioprogramm und wolle mir nun endlich mal sagen, dass mein Wetterbericht so oft falsch sei, das könne doch nicht wahr sein.
An diesem Tag, so warf sie mir vor, kündigte ich an, es werde bewölkt sein. Sie, so erläuterte mir die Dame, sei aber am Morgen schon spazieren gegangen und die Sonne habe ihr ins Gesicht geschienen. Zum Glück habe sie sich keinen Sonnenbrand geholt, sie habe nämlich aufgrund meiner Wettervorhersage, keine Sonnencreme aufgetragen. Klar, es seien auch Wolken am Himmel, aber da die Sonne zwischendurch scheine, sei es nicht bewölkt, sondern wolkig. Das sei ein folgenschwerer Fehler meinerseits.

Unterschiede in Definitionen

Bewölkt oder wolkig? Ein harmloser kleiner Unterschied, könnte man meinen. Ist es aber nicht. Denn Menschen haben alle ihre eigene Geschichte, ihre eigene Sozialisation und sind durch Einflüsse aus ihrem Umfeld unterschiedlich geprägt. Dazu gehört auch die Definition von Worten.
Für diese Dame hieß bewölkt ganz klar, dass die Sonne nicht scheint.
Ob sie aus fachlich meteorologischer Sicht recht hat – dazu kommen wir noch.

Aber in ihrer Wahrnehmung, nach ihrer Wortdefinition, habe ich ihr in diesem Moment eine falsche Information geliefert. Und das passiert häufiger, als wir denken. Sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld. Denn in der Regel halten wir unsere Definition von Worten für die richtige. Unsere Erwartungshaltung an andere Menschen ist dementsprechend, dass sie diese Definition auch nutzen oder nutzen sollten. Dass es auch andere Definitionen geben könnte, dass Worte in unterschiedlichem Kontext eine verschiedene Bedeutung haben, und dass sogar ein wortgleicher Satz, anders betont schon eine andere Bedeutung haben kann, ist uns meist nicht direkt bewusst.

Konflikte durch Missverständnisse

So entstehen sehr leicht Konflikte. Menschen sprechen miteinander, haben unterschiedliche Definitionen von Worten und verstehen sich in der Folge nicht richtig. Diese Tatsache an sich, ist gar nicht so schlimm. Problematisch wird es erst, wenn diese Menschen wieder auseinandergehen, ohne sich verstanden zu haben, es also keine Klärung gab. Daraus können sich Missverständnisse leicht weitertransportieren und Konflikte immer größer werden, obwohl beide Seiten der Meinung sind, alles richtig gemacht zu haben. Was ja im Grunde auch stimmt.

Worte nur ein Teil von Kommunikation

Worte sind immer nur ein Teil von Kommunikation.
„Man kann nicht nicht kommunizieren“, ist das erste Axiom von Paul Watzlawick. Der Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler meint damit, dass wir auch ohne Worte, durch unseren Blick, unsere Körperhaltung mitteilen, ob wir uns wohlfühlen, traurig sind oder eher ungehalten.

Anders ist nicht falsch

Wenn wir bedenken, dass Kommunikation zwischen Menschen permanent stattfindet, wird klar, dass die Definition von einzelnen Worten ein kleiner Teilaspekt in einer guten Kommunikation ist. Eine Klärung auf dieser Ebene kann aber schon helfen, die Kommunikation insgesamt zu verbessern. Denn wir zeigen die Bereitschaft anzuerkennen, dass unser Gegenüber etwas anderes meinen könnte. Betonung liegt auf anderes, nicht falsches.

Umso wertvoller ist es, behutsam zu kommunizieren und immer im Hinterkopf zu haben, dass unser Gegenüber uns möglicherweise anders versteht, als wir es gemeint haben. Umgekehrt hilft es auch immer wertschätzend auf unser Gegenüber zu schauen, denn vielleicht war die Aussage anders gemeint, als sie bei uns angekommen ist. Im Zweifel ist nachfragen immer eine gute Idee.

Austausch bringt Klärung

In der Wettervorhersage ist das übrigens sehr klar geregelt, damit es eben keine Missverständnisse gibt. Aus meteorologischer Sicht ist es bewölkt, wenn 5 Achtel des Himmels mit Wolken bedeckt sind. Wolkig ist es, wenn nur 4 Achtel voller Wolken sind. Die Sonne darf sich in beiden Fällen mal durchmogeln.

Die Dame, die sich bei mir beschwert hatte, gab mir am Ende recht, dass ich dann wohl doch nicht ganz falsch lag mit meinem Wetterbericht. Allerdings gab sie zu Bedenken, sie könne ja überhaupt nicht nachprüfen, ob 4 Achtel oder 5 Achtel des Himmels von Wolken bedeckt seien, also sei nicht abschließend zu klären, ob ich nicht doch etwas Falsches gesagt hätte.
Stimmt! Da hat sie recht.
Wir haben uns darauf geeinigt, in dem Fall den Experten – also den Meteorologen – einfach zu vertrauen.

Wie erlebt ihr Missverständnisse und wie geht ihr damit um? Schreibt mir gerne.

Herzliche Grüße schickt Euch,

Nicole Dienemann

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